Suche nach einer denkmalgerechten Architektur. Neubau in der Innenstadt von Brandenburg an der Havel  



Brandenburg an der Havel ist aufgrund seines Domes und der mittelalterlichen Doppelstadt bekannt, nicht jedoch durch seine Neubauprojekte, obwohl in den letzten 10 Jahren in der Innenstadt zahlreiche Lücken geschlossen wurden. Die Dominanz einer fast vollständig erhaltenen historischen Bebauung und mittelalterlichen Stadtstruktur unterwirft sie einem starken Druck. Die Erhaltungssatzung der Innenstadt enthält eine Genehmigungspflicht für Neubauten, deren Zulässigkeit anhand eines Merkmalkatalogs abgewogen wird, der die zu schützende Stadtgestalt und ihre prägenden Bauten beschreibt. Die detaillierten Forderungen sind wichtig für die Erhaltung historischer Gebäude, setzt Neubauten aber einen so engen Rahmen, der sie zu Kopien eines idealtypischen historischen Hauses werden lassen würde. Nicht nur die Einhaltung von Maßstäblichkeit und Fluchten wird gefordert, sondern auch die Verwendung eines engen Formenkanons. Die Auflagen erschweren eine zeitgenössische Architektur, dennoch gibt es andernorts auch Beispiele - wie etwa im Berliner Scheunenviertel -, wo dennoch zwar oft keine innovativen, aber zeitgenössische Bauten entstehen. Dies ist in

 
Brandenburg meist nicht der Fall, obwohl die Vorgaben nicht kompromisslos durchgesetzt werden, wie Gappert vom Brandenburger Stadtplanungsamt betont. Er sieht genug Freiheit für eine abwechslungsreiche Architektur. Dennoch ist für ihn beispielsweise die Verwendung eines Satteldaches selbstverständlich. Inzwischen gibt es auch innerhalb der Stadtverwaltung kritische Tendenzen gegenüber den strikten Forderungen, welche in der Nachwendezeit in der Freude über das Erhaltene und der Angst vor Überformung entstanden waren. Da sich der DDR-zeitliche Versuch, die Stadt zur modernen Industriestadt umzugestalten, als zerstörerisch erwies, soll deren Identität nun aus dem mittelalterlichen Zentrum resultieren. Die Chance Brandenburgs ist es, mit dem Image der intakten alten Stadt Besucher anzuziehen. Die Mischung aus Schutz und Image-Arbeit lässt die Stadtreparatur nach dem Bild einer perfekten Altstadt streben, welches nicht durch Neubauten gestört werden darf.

Es entstand daher vorrangig eine zeitlose Architektur, die sich der historischen Bausubstanz vollständig unterordnet. Einfache Putzbauten mit Satteldach und Gauben passen sich mit unterschiedlichen Höhen den beiden prägendsten Bauformen der Stadt an: den zweigeschossigen Wohnhäusern der vorindustriellen Zeit oder den mehrgeschossigen Gründerzeit-Bauten. Es bildete sich ein an lokale Traditionen orientiertes Schema heraus, das eine Typik dieser Innenstadt, das kontrastreiche Nebeneinander verschiedener Epochen, verwischt, da gesamte Straßenzüge in diesen Formen errichtet wurden. Dabei lehnen Sanierungsziele und Erhaltungssatzung eine Homogenisierung der Fassadengestaltung sowie eine historisierende Neubebauung ab. Dennoch wird durch Rekonstruktion und zeitloses konservatives Bauen ein fiktiver historischer Zustand und damit eine bestimmte Atmosphäre eingefroren. Gappert sieht den Grund für die Schlichtheit und Einheitlichkeit der Bauten dagegen in einer aus begrenzten und zweckbestimmten Mitteln resultierenden Sparsamkeit beim geförderten Wohnungsbau. Auch von anderer Seite wurde bestätigt, dass Neubauten meist funktionell und ingenieur-technisch gesehen werden. Es gäbe in der Stadt eine Schwäche der Gestaltung.

Selbstbewusste Neubauten, die sich von der historischen Stadtstruktur absetzen, scheinen für jene Architektur zu sprechen. Deren Radikalität lässt sie zu Fremdkörpern werden. Der Neubau St. Annen-Straße/Ecke Steinstraße vom Düsseldorfer Büro Petzinka, Pink & Partner in seiner überspitzt modernespektakulären Auffassung setzt die DDR-zeitliche Bebauung der St. Annen-Straße fort. Beide sprengen die Proportionen Brandenburgs und versuchen eine Großstädtigkeit zu inszenieren, wie sie hier verfehlt ist. Die historischen Bauten - selbst die mächtige Katharinenkirche - verschwinden in deren Schatten.

Dass Modernität nicht mit Zerstörung gleichzusetzen ist, zeigen einige wenige Beispiele, die Einfügung in die alte Struktur mit einer modernen Formensprache kombinieren, wie das Geschäftshaus am Neustädtischen Markt der Berliner Müller und Keller mit einer sachlichen Fassade zum Markt und einem dynamisch vorschwingenden Hofanbau. Besonders gelungen ist die Neubebauung am Pauliwinkel vom Berliner Architekturbüro Numrich & Albrecht. Sie stellt den historischen Platzgrundriss wieder her, schafft eine Verbindung zwischen der Nachkriegs- und Gründerzeitbebauung sowie dem mittelalterlichen Paulikloster und zeigt trotz der Dominanz des gegenüberliegenden Klosters Modernität. Das farbenfrohe Wohnhaus Wall-/Ecke Huckstraße von Prof. Westphal oder das in sich gedrehte Haus Deutsches Dorf 17 vom Brandenburger Architekturbüro Uli Krieg äußern innerhalb der Fluchten und Proportionen eine eigenständige Sprache, die jedoch Gefahr läuft, als Blickpunkt die Rolle der Altbausubstanz in Frage zu stellen. Dennoch muss eine selbstbewusste, eigenständige zeitgenössische Architektur, welche die Stadtstruktur wertschätzt, eine weitere Schicht in der Stadtentwicklung bilden, denn gerade das ablesbare Nebeneinander der unterschiedlichen Entwicklungsphasen Brandenburgs macht die Stadt zum bedeutenden Denkmal.

Martin Petsch M.A. - Kunsthistoriker und Mediävist
© 2009-14 Petsch

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