Geometrische Komposition. Der gestalterische Nutzen des Konstruktivismus  



Vor- und zurückspringende geometrische Formen in unterschiedlichen Farben und Materialien lassen den Blick auf das ungewöhnliche Wohn- und Geschäftshaus Auguststraße 62 in Mitte fallen. Helle Holz- und weiße Putzfelder wechseln mit Glasflächen, gefasst durch weiße oder dunkelbraune Rahmen. Die Berliner Architekten Hoyer und Schindele schufen ein zuerst undurchsichtiges System, bei dem die tektonische Logik aufgelöst scheint. Es entsteht ein Gefühl von Leichte und Zerbrechlichkeit. Die Fassade hebt sich deutlich von den schlichten, weitgehend entstuckten Gründerzeithäusern der Umgebung ab. Das Phänomen des sachlichen Neubaus, der mit den feingegliederten Altbauten kontrastiert ist nicht mehr gültig und wird ins Gegenteil gekehrt. Dennoch bleibt er bewusst erzeugter Blickpunkt. Schindele nennt den amerikanischen Architekten Louis I. Kahn (1901-74) als Inspirations- quelle. Auch in dessen Werk wird die Lösung funktionaler Aufgaben von der abwechslungsreichen Gestaltung mitbestimmt, die durch vielfältige geometrische Flächen, Öffnungen und Baukörper geprägt ist. Dagegen erhält der Berliner Entwurf durch seine Unregelmäßigkeit eine Dynamik, die an die

 
Kompositionen des niederländischen De Stijl oder des russischen Konstruktivismus der 1910/20er Jahre, in seiner malerisch-flächigen Auffassung an Bilder Mondrians, van Doesburgs oder Malewitschs und El Lissitzkys erinnert. Auch Gerrit T. Rietvelds Haus Schröder von 1924 mit seinen unruhig versetzten Farbfeldern stand Modell. Die Fülle der gestalterischen Details verschleiert den klaren und herkömmlichen Grundriss auch wenn die weißen Streifen als Umrandung der einzelnen Wohnungen auf die Innenstruktur verweisen. Beidseitig einer mittleren Erschließungsspur mit großzügiger Eingangshalle und elliptischem Treppenhaus erstrecken sich die Wohnungen - meist Maisonetten - zwischen beiden Fassaden.

Bleiben die Einflüsse hier also in der Fassadenebene, zeigt das Haus Oranienburger Straße 33 vom Frankfurter Architekturbüro Braun & Voigt eine stark plastische Wirkung. Der Bau löst sich nach oben in sich durchdringende Quader auf. Er ähnelt damit konstruktivistischen Architekturentwürfen wie den Bauten des in Russland tätigen Moses J. Ginsburg aus übereinander gestapelten und in sich verschachtelten Baukörpern. Bei der Hessischen Landesvertretung der Architekten Christl und Bruchhäuser wird dieser Zusammenhang noch deutlicher. Die heute vermeintliche Fortschrittlichkeit wird hier durch einen weiten Überstand bis zur Spitze getrieben. Die scheinbare Ausreizung des technisch Möglichen und Überwindung der Naturgesetze wird auch beim „Wolkenriegel“ der Berliner Ruiken und Vetter in Kreuzberg thematisiert. Als direktes, wenn auch bescheidenes Zitat von El Lissitzkys „Wolkenbügel“-Entwurf von 1924/25 schiebt er sich auf Stahlstützen stehend als einfacher Quader über die Spree.

Bei all diesen Bauten werden nur Formen des Konstruktivismus verarbeitet. Aufgrund der modernen Tradition prägen dessen Architekturideale wie Funktionalität, Inszenierung der Konstruktion oder Betonung des Klaren, Tektonischen und zugleich das Stören tektonischer Sehgewohnheiten dennoch oft die Bauten. Die ursprüngliche Verbindung von Form und Idee ging jedoch verloren, da beide heute keinen revolutionären Gehalt mehr haben. Auch diese Bauten sind also Beispiele dafür wie mit historischen Zitaten eine neue Architektursprache entwickelt wird. Soll mit „klassischem“ Historismus ein alter Zustand wiederhergestellt werden, hilft dieses Formengut der Klassischen Moderne einen besonders modernen, ja avantgardistischen Eindruck zu vermitteln. Es soll eine „gute“, da nicht monotone Architektur entstehen. Die Formenübernahme erfolgt also vordergründig zur Schaffung einer effektvollen Ansicht, um sich von den umgebenden Bauten abzuheben.

Martin Petsch M.A. - Kunsthistoriker und Mediävist
© 2009-14 Petsch

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