Kleinod im Osten Europas. Polnischer Funktionalismus im ukrainischen L'viv  



Der Papstbesuch hat im Juni nur kurz die Aufmerksamkeit auf das westukrainische L´viv gelenkt, jetzt droht es schnell wieder in die gewohnte Vergessenheit zu geraten. Dass ist um so bedauerlicher, da die Stadt mit einer beeindruckend vollständigen, historisch gewachsenen Stadtanlage besticht, deren Entwicklungsphasen noch bis ins Detail unverändert erhalten sind. Der Charme der galizischen K.u.K.-Metropole Lemberg hat in stattlichen Repräsen-tativbauten und ausgedehnten Gründerzeit- und Jugendstilvierteln mit prächtigen Dekorationen bis heute überdauert, da die Stadt von Kriegszerstörungen und Modernisierungswellen verschont blieb. 1919 wurde die Stadt als Lwów der neuentstandenen polnischen Republik zugeschlagen, bei der sie bis 1939 verblieb. Neben Warschau und dem oberschlesischen Industriegebiet entwickelte sich die Stadt in der Zwischenkriegszeit zu einem Zentrum moderner polnischer Architektur. Hier befand sich an der Polytechnischen Hochschule die neben Warschau wohl wichtigste Architekturschule Polens dieser Zeit. Einige fortschrittliche Professoren wie Wladyslaw Derdacki, Witold Minkiewicz oder Ignacy Drexler vermittelten die

 
neuen Ideen von Architektur und Stadtplanung und ließen viele bedeutende polnische Modernisten emporkommen. Der polnische Funktionalismus entstand aus der Kenntnis der Vorbilder v.a. in Frankreich, den Niederlanden und Deutschland sowie der russisch-konstruktivistischen Ideen. Dass keine sklavische Übernahme stattfand, sondern sich durch die Verbindung verschiedener Einflüsse eigenständige Handschriften herausbildeten, zeigen die zahlreichen Bauten in L'viv.

Beim Kulturhaus H. Chotkevytsch in Pidsamtsche, 1937 von L. Karasinski und Tadeusz Wróbel, wurden moderne Baukörperdisposition, horizontale Gesimsbänder und modernistischer Erker mit konventioneller Lochfassade hochrechteckiger Fenster sowie ornamentierter Ziegelfassade kombiniert und zeigt damit Einflüsse des deutschen Backstein-Expressionismus. Dagegen fließen beim Haus der Wissenschaft und des Ingenieurswesens der Eisenbahn L'viv, 1932-36 von Romuald Müller, trotz der Verwendung einer ähnlichen Fassadenoberfläche eher Einflüsse des Art Déco ein. Das Motiv hart aufeinandertreffender vertikaler und horizontaler Linien verbindet diese beiden Bauten mit dem ehemaligen Gebäude der Städtischen Elektrizitätsinstitutionen, 1936 ebenfalls von Karasinski und Wróbel. Dem Quader mit vertikaler Rippengliederung ist ein dynamischer, horizontal angelegter, halbrunder Anbau in Fortsetzung des Erdgeschosses des Hauptbaus angefügt.

Während die öffentlichen Bauten trotz ihres funktionalen Anspruchs oft eine aufwendige und detailreiche Gestaltung besitzen, zeigen die Mietshäuser meist äußerst sachliche Baukörper mit Querrechteckfenstern und überstehendem Flachdach, lediglich dynamisiert durch übereckgeführte abgerundete Balkone. Entgegen den Vorbildern haben sie keine fassadenbündigen Fenster sondern Lochfassaden. Zahlreiche Beispiele finden sich in der südwestlichen Vorstadt um die vul. Generala T. Tschuprynky oder die vul. P. Doroschenka in Ergänzung bzw. Fortführung der gründerzeitlichen Bebauung. Jedoch sind auch geschlossene funktionalistische Siedlungen entstanden, wie etwa im Südwesten der Stadt am Anfang der vul. Sacharova aus den 1930er Jahren von M. Stadler oder im Süden an der Stryjs'ka vul., 1927 von Witold Minkiewicz. Einmalig ist Novyj L'viv, eine Siedlung von funktionalistischen Einfamilienhäusern am südlichen Stadtrand, die zum Großteil nach Entwurf Wróbels 1932-35 entstand. Die strenge Sachlichkeit der Wohnbauten wird auch vom mächtigen Bürohochhaus von F. Kassler in der Innenstadt getragen, das 1929 als Blickpunkt des gründerzeitlichen pr. Schevtschenka entstand.

Wenn auch Polen zu dieser Zeit Rezipent moderner Strömungen war, so darf doch dessen Beitrag zur modernen Architektur nicht abgewertet werden. In Polen wie in den anderen mittelosteuropäischen Staaten entstanden zahlreiche qualitätvolle modernistische Bauten, die ihren Vorbildern in West- und Mitteleuropa in nichts nachstehen. Ihre Entdeckung hat gerade erst begonnen. Während Tschechien schon ins öffentliche Interesse gerückt ist, wird L´viv noch lange darauf warten müssen.

Martin Petsch M.A. - Kunsthistoriker und Mediävist
© 2009-14 Petsch

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