Zurück zur Moderne. Neubauten in der Oranienburger Straße huldigen dem Neuen Bauen  



Die Berliner Bautradition ist meist Vorbild für die zeitgenössische Architektur der Stadt. Neben der dominierenden Gründerzeit ist es das Neue Bauen der 1920er Jahre, dessen Formenrepertoire man sich annimmt. Entlang der Oranienburger Straße entstanden verschiedene Bauten, die diese Auffassung zeigen. Derzeit entsteht an der Ecke Oranienburger Straße/ Monbijouplatz ein weiteres Wohn- und Geschäftshaus der Architekten Grüntuch & Ernst. Das nahezu halbrunde Gebäude mit seiner starken horizontalen Gliederung durch umlaufende Fenster- und Brüstungsbänder und Zurückstufungen zeigt eine Dynamik, die schon die „Großstadtarchitektur“ der Gebrüder Luckardt oder Erich Mendelsohns auszeichnete. Die seitlichen Fassadeneinschwünge dramatisieren diese Wirkung noch zusätzlich. Das berühmte, im Zweiten Weltkrieg zerstörte Telschow-Geschäftshaus von den Gebrüdern Luckardt und Alfons Anker von 1928 am Potsdamer Platz scheint einen Nachfolger bekommen zu haben. Auch im inszenierten Gegensatz zu den gründerzeitlichen Nachbarhäusern besteht eine gedankliche Verwandtschaft zum Neuen Bauen: Horizontalität kontrastiert mit Tektonik, Klarheit in Glas und Stahl mit Stuckfassaden.

 
Die selben Mittel wurden von den Architekten bereits an ihrem viel beachteten Neubau am Hackeschen Markt in der Flucht variiert. Die nächtliche, transparente Wirkung spielt hier wie bei den Vorbildern der 1920er Jahre eine wichtige Rolle. Grüntuch & Ernst beschwören mit diesen Bauten nicht nur deren Formen, sondern auch deren Mythen wie Geschwindigkeit, Lichterglanz und Großstädtigkeit. Ein weiteres Geschäftshaus in der Münzstraße zeigt ebenso diese Auffassung.

Zwei andere Neubauten in der Straße schaffen durch die Kombination von Formen der Klassischen Moderne mit einem Element der Wohn- und Geschäftshäuser um 1900 - einem abgesetzten, zweigeschossigen Laden- und Bürosockel mit großen Fenstern - eine skurile Mischung. Die weißverputzte Fassade der Nummer 90 vom Architekturbüro Hertfelder schwingt mittels einer abgerundeten Ecke mit umlaufenden Fenstern zum zurückgesetzten Bauteil, welcher mit seiner Verklinkerung die Wirkung des Schwungs isoliert. Das Haus wirkt durch den überdimensionierten, zweigeschossigen Glas-Stahl-Sockel gestelzt. Beim Eckhaus zur Auguststraße vom Architekturbüro Basedahl sind die Proportionen ausgeglichener. Trotz der klassischen Fassadenteilung dominieren horizontale und dynamische Elemente: die abgerundete, in Glas aufgelöste Ecke, Abstufungen und Schirme sowie der vorschwingende Süderker.

Der Formalismus wird bei all diesen Bauten verschleiert, indem Ideen aufgegriffen werden, die zwar historisch jedoch durch die Beliebtheit der Klassischen Moderne allgemein präsent sind. Zudem fügen sich die Bauten in eine allgemeine Strömung bestens ein: Mit dem gegenwärtigen „Neuen Berlin“ wird versucht, an das der Vorkriegsmetropole mit ihrem lebendigen Großstadtleben anzuknüpfen. Die Oranienburger Straße, wo eine ähnliche Lebendigkeit an die verklärten „Goldenen Zwanziger“ erinnert, scheint besonders geeignet, das Gefühl der aufblühenden Metropole in Formen des Neuen Bauens auszudrücken. Dennoch ist heute wie damals nicht die Klassische Moderne, die Berlin kurzzeitig zum herausragenden Zentrum der deutschen Baukunst machte, sondern das gründerzeitliche Berlin allgemein prägend. Heute sind jedoch beide Formensprachen historisierend, die Avantgarde muss woanders gesucht werden.

Martin Petsch M.A. - Kunsthistoriker und Mediävist
© 2009-14 Petsch

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