Intakte Stadt. Stadtreparatur in der Steinstraße/Ecke Alte Schönhauser Straße in Mitte   



Im östlichen Scheunenviertel zwischen Rosenthaler und Alter Schönhauser Straße entwickelt sich ein innerstädtisches Wohngebiet. Zahlreiche Lücken- schlüsse stellten in den letzten Jahren die Straßenfluchten des brachengeprägten Viertels wieder her. Trotz seiner zentralen Lage und der Nähe zu Alexanderplatz und Oranienburger Straße vermitteln Ruhe und kleine beschauliche Straßen das Gefühl von Kleinstädtigkeit. Dazu tragen auch die zurückgenommenen Dimensionen der historischen Bebauung bei, an denen man sich auch bei den Neubauten orientiert hat, denn die Spandauer Vorstadt ist Denkmalschutz- und Sanierungsgebiet. An der Ecke Steinstraße/Alte Schönhauser Straße hat die Wohnungsbaugesellschaft Berlin Mitte mit sechs Wohn- und Geschäftshäusern eine große Baulücke geschlossen und damit hier die typische Dichte des Viertels wiederhergestellt. Die nach Entwürfen der vier Architekturbüros Bellmann & Böhm, Walter Krüger, Pieper und Partner, Meyer-Bach-Hebestreit-Sommerer unterschiedlich gestalteten Häuser sollen für Kleinteiligkeit und Vielfalt sorgen. Sie staffeln sich von 5 Geschossen in der Steinstraße zu 7 Geschossen in der Alten Schönhauser Straße, um bei Einhaltung der

 
historischen Traufhöhe dennoch eine günstige Ausnutzung der Grundstücke zu erreichen. Es wird aber nicht nur die Struktur der alten Bebauung sondern auch ihre Erscheinung aufgegriffen. Die für die Spandauer Vorstadt typische Mischung von vorkaiserzeitlicher Bausubstanz, gründerzeitlichen Geschäftshäusern und vereinzelten klassisch modernen Bauten, wie man sie nicht weit in der Neuen Schönhauser Straße noch im Original findet, wird hier nachempfunden. Die Suche nach der alten intakten Stadt lässt durch zeitgenössische Interpretationen historischer Architektur-Auffassungen ein Stilkonglomerat entstehen. Es überwiegen einfache Putzbauten mit abgesetztem Ladensockel und Sattel- bzw. Berliner Dach mit Gaupen. Dennoch wird meist die geometrische Klarheit des zeitgenössischen Bauens beibehalten. Akzente setzen das postmoderne, an gründerzeitliche Wohn- und Geschäftshäuser erinnernde Eckhaus mit Kuppel sowie Steinstraße 4 in Anlehnung an die Klassische Moderne. Der Lückenschluss zeigt beispielhaft das heutige Verständnis von Urbanität auf, das sich mit der Postmoderne entwickelt hat: Dichte, Vielfalt und Kleinteiligkeit. Dieser Stadttypus, so scheint es, kann nur als formales Abbild der Vergangenheit perfekt sein.

In einem ersten Bauabschnitt entstanden 46 Mietwohnungen im sozialen Wohnungsbau, darunter drei behindertengerechte Wohnungen. Vermietet wird nur an Inhaber eines Wohnberechtigungsscheines, denn die Netto-kaltmiete beträgt hier unter 9 DM/m². Für Familien wird es räumlich eng: die Häuser bergen fast ausschließlich 2- und 3-Raum-Wohnungen, im Eckhaus noch drei 4-Raum-Wohnungen. Der zweite Bauabschnitt, welcher Steinstraße 5/6 und 7 umfasst, beinhaltet 32 frei finanzierte Eigentumswohnungen, die aufwendiger ausgestattet sind. Die Aufteilung in vorwiegend 2-Raum- sowie 1 ½-Raum-Wohnungen, aber lediglich zwei 4-Raum-Wohnungen, zeigt, dass Familien hier - trotz der Spielplätze auf den Grünhöfen - zuletzt als Kunden angesprochen werden sollen. Sie werden wieder an den Stadtrand verwiesen.


Martin Petsch M.A. - Kunsthistoriker und Mediävist
© 2009-14 Petsch

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