Dramatische Gefühlsmalerei. Strindberg als Maler und Fotograf   



Dem international wohl bedeutendsten schwedischen Schriftsteller August Strindberg (1849-1912) ist in Kopenhagen eine Ausstellung gewidmet, die eine andere Seite dieses vielseitigen Mannes zeigt: sein malerisches Werk, aber auch Experimente mit anderen Medien. Strindberg, der durch seine naturalistischen Dramen als Vorreiter in der Literatur gilt, war auch in seiner Malerei der Zeit voraus.

Die frühen Arbeiten der 1870er Jahre zeigen zwar schon sein hauptsächliches Thema - meist stürmische Meeres- bzw. Küstensituationen - sie erreichen jedoch noch nicht die Qualität der Bilder der 1890er Jahre in einem freien persönlichen Stil, der sich zunehmend vom Gegenständlichen löst. Nicht die naturalistische Darstellung der Naturgewalt, sondern die Dominanz des Gefühls, ausgedrückt durch groben Farbauftrag, kräftige Farbigkeit, Kontraste und eindringliche Lichtwirkung, zeichnen Strindbergs Bilder aus. Besonders die wirkungsvollen Sturmbilder in ihrer stark dynamischen Dramatik zeigen die Tendenz zur Abstraktion: „Sturm im Archipel“ (1892) lässt im Gegensatz zu „Nacht der Eifersucht“ (1893) noch einen zwischen Meer und Wolken trennenden Horizont erkennen. Diese gefühlsgeladenen reduzierten Bilder machen Strindberg zum Vorläufer des abstrakten Expressionismus. Die Priorität von Farbe und Form gegenüber dem anekdotischen Motiv verfocht er früh als führender schwedischer Kunstkritiker. Strindberg, für den auch die Wirkung des Lichts von großer Bedeutung war, führte die Impressionisten in die schwedische Öffentlichkeit ein.

Gerade Strindbergs Sturmbilder sind es auch, die besonders durch eine Zufälligkeit geprägt sind, die neben dem Motiv durch einen groben Farbauftrag per Messer oder Abbrennen der Bildoberfläche entstand. Strindberg war also nicht nur in seinen gestalterischen Auffassungen, sondern auch in der Technik modern. br> Das Bild „Golgotha“ (1894) in schwarz-blauen Tönen zeigt das Phänomen einiger wichtiger Bilder: Küste und sinkende Barke verschwinden in einem Wirbel, der das Bild dynamisiert und damit eine besonders bedrohliche Situation assoziieren lässt. Das umfassende Motiv erscheint auch bei „Wunderland“ (1894) und „Inferno“ (1901), erzeugt hier aber einen bergenden Grotteneindruck. Neben der bedrohlichen Bewegung ist das isolierte Objekt vor weitem windstillen Horizont ein öfter auftretendes Thema: „Strand in einer Sommernacht“ (1892) verbreitet trotz sommerlichen Wetters ein unbehagliches Gefühl von Einsamkeit.

Da Strindberg aufgrund angefeindeter politischer Schriften Schweden verlassen musste, entstanden diese Bilder seiner reifsten Schaffensperiode im Exil, u.a. 1892/93 in Berlin, wo sich eine Gruppe deutscher und skandinavischer Künstler um ihn sammelte. Strindberg beeinflusste zahlreiche junge Künstler seiner Zeit radikal politisch wie künstlerisch.

Die Bilder der 1900er Jahre kehren mit Beibehaltung des zufälligen Moments zurück zum Gegenständlichen. Es bleibt der starke Einfluss des aufgewühlten Gefühls, der Bedrohung oder der Einsamkeit.

In seinen Bildern offenbaren sich Strindbergs psychische Leiden durch Erfahrungen aus drei gescheiterten Ehen als momentane Gefühlszustände, in denen die Bilder in kurzer Zeit entstanden. Strindberg malte nur in kurzen Phasen wenn seine literarische Arbeit ruhte. Dort zeigte sich sein Verdruss, im Gegensatz zur persönlichen Verarbeitung in der Malerei, in Hass erfühlten antifeministischen und die Ehe reflektierenden Schriften.

Auch Strindbergs Experimente mit anderen Medien spiegeln seine moderne Kunstauffassung wider. Er fertigte zahlreiche Fotografien an, die hauptsächlich inszenierte Selbstporträts zeigen. Sind sie Dokumente seiner ausgeprägten Egomanie, äußert sich in Celestographien, Frottagen und Kristallogrammen erneut eine mystische Gefühlswelt. Indem die Natur zum eigentlichen Künstler wird, entspricht Strindberg seinem Streben nach Zufälligkeit, die er in seinem Aufsatz „Neue Künste“ von 1894 als künstlerische Theorie entwickelte.

Zuletzt beleuchtet die Ausstellung auch die Interpretation Strindbergs in der Kunst seiner Freunde wie Edvard Munch, Carl Larsson oder dem Bildhauer Carl Eldh. Es bleibt jedoch eine entscheidende Frage weitgehend unbeantwortet: das Zusammenspiel von Strindbergs herausragendem literarischen Werk und seiner bildenden Kunst. Naturalistische, symbolistische, aber auch mystisch-okkulte wie anklagende Momente in beiden Werken lassen sicherlich einen ideellen Zusammenhang je nach künstlerischer Phase Strindbergs erkennen. Dennoch ist es der Ausstellung gelungen, nicht nur eine andere Facette von Strindbergs Person, sondern auch die Individualität seiner Kunst und deren große Bedeutung zu veranschaulichen.


Martin Petsch M.A. - Kunsthistoriker und Mediävist
© 2009-14 Petsch

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