Leben im Glashaus. Abcarius & Burns' erstes urbane living-Projekt  



An das Märchen vom Glashaus mag man vor allem nachts beim Anblick des Hauses Joachimstraße 5 in Mitte denken. Die Berliner Architekten Jean-Marc Abcarius und Christopher Burns haben die Front vollständig in Glas ausgeführt und ihr lediglich eine strukturierende Aluminium-Lamellenstruktur vorgehängt. Sie bietet jedoch nur bedingt Sichtschutz. Durch beiseite Schieben der raumhohen Fenster kann die Wohnung zur Loggia verwandelt und optisch in den Außenraum erweitert werden. Die hintereinander gelagerten halb- und ganzdurchlässigen Schichten geben je nach Öffnungsgrad und Sonnenstand mehr von den individuellen Wohnungsgrundrissen im Inneren frei. Sie wurden zusammen mit den Bewohnern entwickelt, in dem diese über Lage, Größe und Materialien der Funktionsbereiche bestimmen konnten. Dennoch musste sich alles am Konzept des Hauses orientieren, dass auf Transparenz und der Wechselwirkung zwischen Öffentlichkeit und Privatsphäre basiert. Die strikte Trennung des traditionellen Wohnens wurde aufgegeben zugunsten einer freien Komposition, einer variablen Zuordnung von Räumen und Nutzungen. Einbauschränke oder bewegliche Raumteiler gliedern

 
die Fläche zurückhaltend und lassen immer wieder andere Eindrücke entstehen. Die Auflösung der Grenzen wird nicht nur durch Öffnung erzeugt, sondern in der Wahrnehmung der gesamten Wohnung in der Anordnung seiner, nicht immer einsehbaren Teile. Sie sind allerdings mitunter auch bei Bedarf durch Schiebetüren abtrennbar. So werden Prinzipien des nach Großzügigkeit strebenden Loft-Wohnens mit denen des konventionellen Wohnens vereint. Dennoch wird dem Bewohner nahezu überall die Möglichkeit gegeben, den Außenraum visuell einzubeziehen und umgekehrt sein privates Leben zur Schau zu stellen. Sichtbeziehungen ermöglichen dies selbst in Bad oder Schlafzimmer. Wenn auch die dauerhafte Präsentation durch Vorhänge verhindert werden kann, lässt aber gerade die ständige Möglichkeit des Exhibitionismus den Bewohner dies auch wahrnehmen. Es geht bis hin zum Gefühl des im Freien Duschens.

Obwohl mit dem Wegfall sämtlicher Grenzen dem Bewohner das Gefühl absoluter Freiheit gegeben werden soll, droht auch die negative Umkehrung. Die ständige Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit führt zur Kontrolle des privaten Lebens und schränkt dieses ein.

Abcarius & Burns definieren „urbane living“ als ortsabhängiges, aber weltoffenes städtisches Wohnen, wobei sie versuchen verschiedene Kulturen aufzunehmen. Nicht ein Typ, sondern unterschiedliche Lösungen werden angestrebt, mit dem Ziel zwar angepasst aber doch unkonventionell und Berlin untypisch zu bauen. Misst man aber das in sich schlüssige Haus mit dieser Haltung, erschöpft sie sich aber weitgehend in der Nutzung des Ausblicks und der Einhaltung der Proportionen einerseits, im freien Grundriss und südlichem Flair andererseits.

Joachimstraße 5, zwischen August- und Gipsstraße, U-Bhf. Rosenthaler Platz.

Martin Petsch M.A. - Kunsthistoriker und Mediävist
© 2009-14 Petsch

This template is designed by cotterjerry@eircom.net and supplied by WebDesignHelper.co.uk


HOME PERSON PROJEKTE PUBLIKATIONEN TEXTE LINKS KONTAKT